esprit für alle! – persönlichkeitskonzepte 
und raumvorstellungen bei lucia dellefant

lucia dellefant meint es gut mit ihrem publikum, ständig ist sie ihm 
in ihren arbeiten begleitend zur seite. lucia dellefant ist dabei kultur-
folgerin, trend-scout und kummerkastentante zugleich. wenn sie es be-
sonders gut meint, stellt sie eine trophäe in aussicht.

in der szene der jungen kunst ist lucia dellefant zu einer festen größe
geworden. ortsbezogene arbeiten im öffentlichen raum und zahlreiche aus-
stellungen in museen und galerien haben ihr werk einem breiten publikum
vertraut gemacht.
in arbeitsaufenthalten, die sie in viele gegenden der welt geführt haben, 
hat sie ihren horizont erweitert und die menschen, ihre kulturen, erwar-
tungen und realitäten intensiv hinterfragt.

die kunst von lucia dellefant ist demokratisch und lädt ihr publikum zum
nachvollzug und oft auch zum mitmachen ein. eine wichtige tätigkeit der
betrachter ist sogar ausgesprochen erwünscht: das eigenständige denken.
die gesamte arbeit der vielfach ausgezeichneten künstlerin beschäftigt
sich mit der spezies mensch. der mensch ist der alleinige bezugspunkt
ihrer geistreichen gemälde und objekte. jede arbeit beleuchtet persön-
lichkeitskonzepte und raumvorstellungen des ich. dellefant interessieren
die grundzüge und die konstitution des ich, sie hinterfragt auf witzig
ironische weise unsere inszenierungen, welches bild wir von uns entwerfen,
wie wir durch herkunft, bildung oder partnerschaften daran arbeiten.
denn nach diesen parametern richtet sich der ideale raum, den wir für
uns als handlungsumfeld bestimmen. dieses wechselverhältnis von menschen
und raum ist der kern ihrer (häufig seriell strukturierten) arbeit.

society signs
bekannt geworden ist lucia dellefant mit modernen emblembildern. 
das emblem, die verbindung eines bildes mit beischrift und motto,
ist seit der zeit um 1500 fester bestandteil der kunst. heute
begegnet uns die sinnfällige verbindung zumeist in der werbung oder
bei warnhinweisen. beide informationen sind auf schnelle rezeption
bedacht. idealerweise sollen sie im vorbeigehen (schneller fahren)
beachtet und verarbeitet werden können. in lucia dellefants society
signs wird ein bestimmter begriff des alltags oder eine menschliche
eigenschaft einer tiefer gehenden betrachtung unterzogen. angelehnt
an die ästhetik der werbung, persiflieren und exemplifizieren die
society signs einzelne worte. in „feige” versteckt sich das ent-
sprechende wort hinter jalousielamellen. passend zu „unterdrückt”
ist der wortbestandteil „unter” schon fast dem „druck” gewichen.
diese behandlung macht die strukturen eines komposit- oder lehnwortes
sichtbar. das erscheinungsbild der wortbilder ist eher grafisch als
malerisch geprägt und manchmal humorvoll an typografien gebräuchlicher
marken angelehnt. so verbindet die künstlerin das jeweilige wort mit
einem selbst entwickelten zeichen und kreiert auf diese weise ein
logo zur eigenschaft. negative charakterzüge einer person wirken
durch ein poppiges logo im ersten moment auch einmal verwirrend
positiv und verunsichern die betrachter. immer aber sprühen die
society signs vor esprit und spiegeln damit den geist ihrer urheberin.
richtig
life design
dellefants in mehreren städten ausgestellte große installation einer 
dreiteiligen sitzlandschaft, die aus den buchstaben des wortes ich
bestand, war der ausgangspunkt für eine mitmach-aktion der künstlerin.
die antworten auf ihre fragebögen zu aktueller befindlichkeit, jetziger
und künftiger lebenssituation ihrer ausstellungsbesucher hat
lucia dellefant als anregung ihrer serie life design umgesetzt.

besonders interessant sind die antworten auf die fragen ausgefallen,
wie man sein leben formen und gestalten möchte oder welche zukunfts-
visionen die ausstellungsbesucher haben.die antworten geben einen
repräsentativen querschnitt der sehnsüchte. neben pragmatischen über-
legungen wie „ich möchte kraft für meine visionen haben” waren
wünsche dabei wie „ich möchte ein interessantes leben führen und
einen repräsentativen mann”. eine amerikanische ausstellungsbesucherin
brachte ihre vorstellungen auf den punkt: „i want a house in the
countryside, a four-wheel drive and a golden retriever”. kennzeichen
der serie life design ist eine verstärkte hinwendung zu formal
malerischen möglichkeiten. anders als in den society signs wird
nicht ein begriff illustriert, sondern eine denkwürdige textfolge
mit malerischen elementen kombiniert. die mit dem werk von lucia
dellefant vertrauten betrachter suchen sofort nach den „richtigen
bezügen”. die komposition bei „retriever” etwa bietet in der art
von materialproben eine meisterlich ausgeführte trompe-l’œil-malerei
einer braunen holzmaserung, die von einer partie grün begleitet wird.
wer nun allerdings noch nach pfotenabdrücken oder reifenspuren sucht,
wird enttäuscht. dellefant hat ihre bilder lediglich als projektions-
flächen der betrachter gestaltet und gibt ihnen anlass für eigene
überlegungen, sich mit den wünschen anderer auseinander zu setzen
oder sogar zu identifizieren. die arbeiten selbst sind vollkommen
abstrakt, durch ihre kombination mit den motti entsteht die illusion
von dingen, architektonisch anmutenden formen und räumen. hier spielt
die künstlerin in ihrer formalen bildgestaltung mit den lesbaren
visionen und sehnsüchten und fordert unsere fähigkeit zur assoziation
heraus.

die arbeit mit sprache und schrift ist in der bildenden kunst der
neueren kunstgeschichte überhaupt ein wichtiges thema. besonders
in der zweiten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts kommt die ver-
wendung von zeichen und wörtern in der kunst zu einer nie gekannten
blüte.
seit den 50er jahren etwa arbeitet der französische künstler ben
vautier, ein künstler des fluxus und des „nouveau réalisme”, an
schriftbildern. in seiner typischen schreibschrift erscheinen kurze,
geistreiche sätze und schlagwortartige aussagen. roy lichtenstein etwa
hat als wichtiger pop-art-künstler die sprachfetzen der comic-kultur
in seine bilder aufgenommen.

der japanische künstler on kawara schließlich malt konsequent seit
über 30 jahren an redu-zierten bildern mit zahlen und wortabkürzungen,
den so genannten date paintings. schriften erscheinen vorrangig in
der kunst der 70er jahre, angefangen von joseph beuys, der von den
tafelzeichnungen rudolf steiners inspiriert war, über dieter krieg
bis hin zu jörg immendorf.
ausschließlich mit dem thema schrift arbeitet die amerikanerin jenny
holzer, die sich in ihren elektronischen laufschriften auf statements
zu moral und weltvorstellungen spezialisiert hat.
auch andere künstler, die sich mit persönlichkeitskonzepten und 
weltvorstellungen beschäftigt haben, wie bruce nauman, verwenden
regelmäßig an prominenter stelle schrift in ihren bildern.
die künstlerin barbara kruger verbindet gefundene werbefotografien
mit kurzen sätzen, wie in einer sequenz strahlender kinder der 50er
jahre mit dem satz „we need another hero”. ein besonders prägnantes
beispiel ist ihr schriftzug auf einer papiertüte für den kölnischen
kunstverein: „i shop, therefore i am”. fast alle genannten künstler
haben wortbilder geschaffen.
einige, wie der amerikanische pop-art-künstler robert indiana, haben
diese worte auch als dreidimensionale objekte gestaltet. seine
bekanntesten skulpturen be-ziehen sich auf das wort love.
in vielen adaptionen hat indiana die ersten zwei buchstaben auf die
lettern „v“ und „e“ gestapelt.
vom bild zum dreidimensionalen wort ist es bei lucia dellefant ein
kleiner schritt. schon in ihren gemälden verleiht sie ihren be-
griffen dimension und perspektivische tiefe. viele arbeiten der
künstlerin sind überaus voluminös, wie das bereits angesprochene
ich-sofa, oder die im folgenden genauer vorgestellte lounge-skulptur
mit dem begriff my-one. aus den worten ihrer malerei werden verbal-
körper oder wortskulpturen. in allen arbeiten reflektiert die
künstlerin über inhalte und erscheinungen der zeichensysteme.
in ergänzung der malerei der society signs, entfalten die wort-
objekte eine noch ungewöhnlichere art von präsenz. sie laden als
trendig designte möbel zum sitzen und reflektieren ein. an manchen
dreidimensionalen werken von lucia dellefant, wie der deutsch-hecke,
kommt man nicht vorbei. wieder andere arbeiten, so der neid-teppich,
kommen eher unscheinbar daher.
wer will nicht gern über einen roten teppich einem besonderen
ereignis entgegen schreiten? der rote teppich, den das große protokoll
dem staatsgast bereits auf dem militärischen teil der flughäfen entgegen
rollt, ist im showgeschäft die bühne der stars. die gestalten des
öffentlichen interesses flanieren über die rote, sicher verklebte bahn
der auslegeware. zum roten teppich (etwa der filmindustrie) gehören
fotografen und blitzlichtgewitter, aber auch der neid der anderen,
die im wettbewerb unterlegen sind. bei großen veranstaltungen legt
lucia dellefant manchmal auch ihren eigenen roten teppich aus.
die fläche ist dabei in die riesigen lettern des wortes neid zer-
schnitten. erst nachdem die ehrengäste einige meter vorangeschritten
sind, nehmen sie die buchstaben und schließlich die trennende
bedeutung des wortes neid war.

m1 my-one
die aneignung der welt ist gegenstand der installationen und aktionen 
von my-one. wer aus „my” hoch eins „meins” ableitet und das schöne
logo nicht als eine fremde, gut designte marke übersieht, hat den
kern geknackt. mit ihrem logo my-one, hat dellefant demokratisch eine
art modisches monogramm geschaffen, das sich auf jeden einzelnen
beziehen lässt. jedes neue ich sieht etwas eigenes: my-one. unter
dem motto „occupy logos and enjoy your own stuff” rief die künstlerin
eine abkehr vom markenwahn unserer gesellschaft aus. wie die
documenta 11 dezentral in mehreren aktionsplattformen organisiert,
führte dellefant an mehreren orten im deutschsprachigen raum
my-one-aktionen durch. in der letztjährigen weltkulturhauptstadt
graz und essen oder bei ausstellungen in berlin und auf der
art frankfurt: überall waren in my-one-lounges aufkleber mit dem
logo verfügbar, die man über symbole und schriftzüge anderer
produkte kleben konnte.
mit aufbüglern ließ sich mit geringem aufwand die kleidung im
do-it-yourself-verfahren personalisieren, wie ein video demonstrierte.
dellefant-ausstellungen wurden zum treffpunkt der individuen, die
nun als my-one-träger wieder unbewußt uniformiert und gebranded
erschienen.
my-one nimmt als logo eine zwischenstellung von bild und objekt ein, 
da es einen konzeptionellen raum beansprucht. durch die vielen
teilnehmer an der aktion, die betrachten, bekleben und bügeln,
beansprucht die arbeit einen kollektiven raum durch deutschland
und österreich.

perfect plan pp
von den vielen in diesem katalog dokumentierten installationen wie: 
start / zufrieden, deutsch, neid, my-one, die tafel oder ja, ist
vor allem die arbeit perfect plan besonders signifikant für das werk
dellefants mit persönlichkeitskonzepten und raumvorstellungen.
diese große amorphe holzkonstruktion bietet sich als plattform der
lebensentwürfe an: unterschiedliche sitzgelegenheiten bieten je nach
vorliebe einzelpersonen einen entspannungsplatz, oder mehreren eine
kommunikative eckbanksituation für eine gruppe. ein steiles stück
führt den empiriker auf eine plattform oberhalb der augenhöhe der
anderen: der platz für den überblick, sinnbild für die selbst
gesuchte herausforderung und einen neuen horizont im leben.

die tafel ta
unter den zahlreichen arbeiten der künstlerin im öffentlichen 
raum ist vor allem die tafel im stadtpark burghausen hervorzuheben.
mit zehn metern länge bietet die tafel großen runden einen zauber-
haften platz. unterkonstruktionen aus gebürstetem edelstahl tragen
sitzflächen und die tafelplatte aus 16 mm starkem mattierten weißglas.
durch die tischplatte geht der blick auf eine metallplatte, auf die
in einer effektschrift dreidimensionale zeilen aufgedruckt sind.
neben den namen der partnerstädte burghausens, ptuj, hohenstein-
ernstthal und fumel, erscheinen in kleinerer typografie texte über
die geschichte und erzählungen einzelner bewohner der partnerstädte.
so berichtet eine inschrift von benka pulko aus ptuj, der ersten frau,
die die welt mit dem motorrad umrundet hat. der tisch wird zum
geschichtsdokument, wenn ein anderer text von der wende im ostdeutschen
hohenstein-ernstthal erzählt. auch die geschichte des sachsenrings oder
südfranzösische hochzeits-bräuche sind themen. obwohl sehr ortsbezogen
und authentisch, ist die tafel zugleich typisch für das œuvre lucia
dellefants. die tafel ist ein symbol des zusammenseins, der kommu-
nikation im großen und kleinen rahmen. mit der tafel gibt burghausen
seinen bewohnern und besuchern einen ort für zusammenkünfte und feiern.

start st
ein anderes kunst-am-bau-projekt realisierte dellefant in einem der 
fünf innenhöfe eines studentenwohnheims in münchen. innerhalb des
gebäudes entstand eine rennbahn für zwei personen. diese umläuft
im ersten obergeschoss den innenhof. wie ein roter faden zieht sich
die bahn durch das gebäude und verbindet zwei wohngruppen miteinander.
die arbeit start thematisiert den beginn eines neuen abschnitts im
leben: sowohl das studium an sich als auch die konkurrenz der studenten
untereinander. dellefants arbeit in diesem kontext ist pädagogisch
besonders wertvoll, wenn sie unter dem glasdach der architektur in
goldenen lettern ganz weit oben das wort „zufrieden” anbringt.
durch das einfallende licht glänzt die zufriedenheit als erhabenes ziel.
deutsch
unter dem titel deutsch hat lucia dellefant eine landart-arbeit 
angelegt, die sie erstmals im haus der kunst in münchen gezeigt hat
(im rahmen der „großen kunstausstellung”). eine stattliche thujen-
hecke ist der stolz eines deutschen gartenbesitzers. die hecke gehört
zum traum vom eigenen haus, sie grenzt das eigene hab und gut
ordentlichst zugeschnitten von dem des anderen ab. sie ist der
sichtschutz, hinter dem die welt mit den ungeliebten nachbarn ver-
schwindet – aber nur wenn sie gut gedeiht.

audio cds
lucia dellefant ist eine allroundkünstlerin, so produzierte sie cds 
mit den titeln „mächtig“, „insider“ oder „berühmt”. angenehme stimmen
wiederholen, dass man es schaffen wird, ein star zu werden und ganz
nach oben zu kommen. doch die schöne botschaft wird schnell monoton,
die sätze wirken aufgesagt und penetrant aggressiv. ob man diese zukunft
nach längerem zuhören immer noch erstrebenswert finden kann ? wohl kaum.
hier scheinen die von andy warhol für jeden menschen in aussicht
gestellten „15 minuten berühmtheit” interessanter.

the award of change
berühmtheiten, wirkliche prominente, möchtegerns und sternchen 
erhalten mit den ständigen preisverleihungen regelmäßige bühnen.
das umfeld einer preisverleihung bietet häufig der neid-teppich,
nicht jedem wird er bereitwillig ausgerollt. der sammlung der vielen
preise, die häufig zu anfang des jahres medienwirksam verliehen werden,
wie bei oscar oder dem goldenen bären, hat lucia dellefant ihre ganz
eigene trophäe hinzugefügt. the award of change ist eine auszeichnung
für die veränderung bestehender rituale innerhalb der gesellschaft.
der award of change steht für den mut, eingefahrene mechanismen und
regeln zu überdenken und das leben neu zu gestalten.
die ziele des preises sind moralisch hoch gesteckt: ein leben in frieden,
freiheit und sozialer gerechtigkeit. diese ziele sind anerkannt und
ehrenwert, doch heute so in gefahr wie in der vergangenheit. um diese
ziele zu erreichen, bedarf es veränderungen in politik, wirtschaft,
gesellschaft und im individuellen lebensentwurf. diese schritte will
lucia dellefant mit ihrem award of change belohnen.

auch in diesem neuesten projekt arbeitet dellefant nicht elitär.
statt einer einzigen person oder institution einen preis zu widmen,
hält sie den silbernen change bereit, der für jeden käuflich er-
hältlich ist. er kann als ehrung für bereits vollbrachte neuerungen
stehen oder als ansporn für noch ausstehende leistungen verstanden
werden. ihn hat jeder verdient!kein preis ohne inszenierung der
vergabe: dafür hat lucia dellefant eine installative plattform
vorgesehen: drei kreisrunde podeste in 30, 45 und 100 cm höhe und
unterschiedlichen durchmessern bieten den raum für die präsentation
des awards und die eigentliche zeremonie zur eigenverleihung
der changes.

der award of change ist wie das my-one logo eigentlich eine
zweidimensionale arbeit, die ebenfalls einen konzeptionellen raum
beansprucht. neben der verleihplattform als dem ort der handlung
konzipiert lucia dellefant mit ihrem award of change einen ideellen
raum aller an der aktion beteiligten.

die arbeiten von lucia dellefant vereinen meine persönlichen
ansprüche an ein kunstwerk. durch ihre realistischen bezüge sind die
arbeiten der künstlerin einem weiten publikum zugänglichund vermittelbar.
die ästhetik ihrer arbeiten ist bemerkenswert-anziehend. die arbeiten
bleiben mit ihrer anregend positiven wirkung gut im gedächtnis. auch die
künstlerische technik der arbeiten bewegt sich auf einem gleich bleibend
hohen niveau der ausführung.

vor allem inhaltlich hat die künstlerin eigenständig durch ihre fest-
legung auf die reflektion von persönlichkeitskonzepten und raumwahrnehmung
moderne formen der allegorie entwickelt. sie verbindet ästhetik und
technischeskönnen zu authentischen arbeiten, die immer durch ihre innova-
tionen auffallen, dadurch ergibt sich ihre bereits sammelwürdige stellung
innerhalb der modernen gegenwartskunst.

so prägnant der eigene auftritt der künstlerin lucia dellefant ist,
sie winkt dem, der sich gleichfalls selbstständig herausfordert, mit
der de-luxe-edition ihres eigenen kunstpreises: es ist der goldene
award of change, den die künstlerin einmal im jahr selbst an eine person
oder institution verleiht: strengen sie sich an liebe leser,
sie schaffen das!

colmar schulte-goltz, kunstraum essen
esprit for all! – personal strategy 
and spatial imaginings from lucia dellefant

lucia dellefant means well by her public and is always a presence 
in her works when she is needed. she is a follower of culture, a
trend scout and an agony aunt at the same time. when she is feeling
particularly magnanimous, she presents trophies.

on the young art scene, lucia dellefant has become a major fixture.
public works pertaining to particular locales and numerous exhibitions
in museums and galleries have brought her works to the notice of a
broad public. in her work-related travels to many parts of the globe,
she has broadened her horizons and subjected people and their cultures,
expectations and realities to an intense analysis.

lucia dellefant’s art is democratic, she invites her public to com-
prehend and often to participate. one important activity of the
observer is actively desired: independent thinking.
the whole oeuvre of this award-winning artist is occupied with one 
thing – the human species. humans are the sole focus of her intel-
lectually stimulating paintings and objects. each work throws light
on personality concepts and the spatial imaginings of the ‘i’.
dellefant is interested in the basic features and the constitution
of the ‘i’. in a witty and ironic way she questions our stage-managing
and the image we design for ourselves and how we work on these using
our background, education or partnerships. it is within these para-
meters that the ideal space is situated that we designate as our
sphere of activity. this fluctuating relationship between indivi-
duals and their space is the core of her (often serially structured)
work.

fr society signs
lucia dellefant became known through her modern emblem pictures. 
the emblem, a combination of a picture with inscription and motto,
was an established element in art in the period around ad1500.
today, this descriptive combination is mainly found in advertising
or warning signs. both mediums are dependent on the rapid reception
of the information. ideally they should be discerned and assimilated
in passing (or even more quickly when driving past).
in lucia dellefant’s society signs, a particular everyday concept
or human idiosyncrasy is subjected to an in-depth scrutiny. borrowing
from the aesthetics of advertising, the society signs satirize and
exemplify individual words. in ‘feige’ (cowardly), the word hides
behind the slats of a venetian blind. in line with ‘unterdrückt’
(downtrodden), the word element ‘unter’ (down) has almost given way to
the ‘pressure’. this treatment illustrates the structure of a composite
or derived word. the appearance of the word images is rather more
graphic than pictorial and sometimes humorously linked to the typography
of a common trade name. the artist combines words with a corresponding
signdeveloped by herself and in this way creates a logo for a character-
istic. with a trendy logo, the negative characteristics of a person at
firstseem confusingly positive and the viewer is puzzled. but the society
signs always exude esprit, thus reflecting the spirit of their creator.







life design
a large installation by dellefant, exhibited in several cities, was 
composed of a three-piece landscape made up of the letters ich, signi-
fying ‘i’ in german. it was the point of departure for the artist to
engage in a participatory action. lucia dellefant used the answers to
a questionnaire on the current mental states and present and future
life situations ofher exhibition viewers as inspiration for her
series life design.

the answers on the questionnaire that pertained to how the visitor
to the exhibition wanted to shape his or her life and what visions
they held for the future were particularly interesting.the answers
offer a representative cross-section of desires. hand-in-hand with
pragmatic thoughts such as ‘i would like to have more power for my
visions’ were wishes such as ‘i would like to lead an interesting
life and to have a prestigious husband’. one american visitor was
quite specific: she wanted ‘a house in thecountryside, a four-wheel
drive and a golden retriever’. characteristic of the series is a
strong tendency towards formal pictorial possibilities. as opposed
to the society signs, a concept is not illustrated, but rather
combines a thought-provoking text with pictorial components. those
already cognizant with lucia dellefant’s work search immediately
for the ‘right reference’. for instance the composition in ‘country
house’ offers a masterly executed trompe-l’oeil painting of brown
wood grain accompanied by green. however, those searching for paw
prints or tyre tracks will be disappointed. dellefant creates her
pictures merely as surfaces for the viewer’s projections and provides
an impulse for individual reflections, for the interaction or even
identification with the desires of others. the works themselves are
completely abstract, their combination with mottos allows one to
sense things, architectural shapes and spaces. here in a formal
layout, the artist plays with legible visions and desires and
challenges our capacity for association.

work in the fine arts using spoken and written language has become
an important topic in recent art history. particularly in the second
half of the twentieth century, the use of signs and words in art has
blossomed in a heretofore unknown way. since the 1950s, the french
artist ben vautier, an artist of fluxus and the ‘nouveau réalisme’,
has been working on script pictures. short, witty sentences and
slogan-like expressions are written in his distinctive handwriting.
one of the important pop artists, roy lichtenstein, uses truncated
scraps of speech from the comics culture in his pictures.

the japanese artist on kawara has consistently been painting reduced
pictures with numbers and word abbreviations since the 1970s, the
so-called date paintings. writing appears to be given a prominent
place in the art of the 1970s, starting with joseph beuys who was
inspired by the panel drawings
of rudolf steiner then continuing with dieter krieg and jörg immendorf. 
the american artist jenny holzer worked solely with the theme of
writing, specializing in statements on morals and world views in
her electronic running scripts.
there are other artists, such as bruce nauman, who are occupied 
with personality concepts and views of the world and who regularly
give writing a prominent position in their paintings. the artist
barbara krüger combines photographs from advertising with short
sentences, such as a sequence of children with beaming faces from
the 1950s with the words ‘we need another hero’. a particularly
succinct example is her script on a paper bag for the cologne
art association: ‘i shop, therefore i am’.
almost all of the aforementioned artists have created word pictures. 
a few well-known artists have created three-dimensional objects from
words, for instance, the american pop artist robert indiana. his most
renowned sculptures deal with the word love. in many adaptations,
indiana has piled the first two letters on top of the letters ‘v’ and ‘e’.

from paintings to three-dimensional word images is a small step for
lucia dellefant. in her first paintings she already gives her words
dimension and perspective depth. many of the artist’s works are
definitely voluminous, such as the ich (i) sofa already mentioned
or the lounge sculpture with the concept my-one, which is introduced
in detail below. verbal objects or word sculptures arise from the
words of her paintings. in all her works, the artist reflects on
the content and appearance of the script systems. complementing
the society signs paintings, the word objects develop an unusual
kind of presence. looking like trendy design furniture, they
tempt one to sit down and contemplate. some of lucia dellefant’s
three-dimensional objects such as the ‘deutsch-hecke’ (german hedge)
are impossible to ignore, others, such as the ‘neid-teppich’
(envy carpet) are more inconspicuous. who wouldn’t like to
saunter along a red carpet towards a special event? the red carpet,
which protocol rolls out even in the military part of the airport
when expecting state visitors, is also a stage for the stars of
show business. those in the public eye stroll down the red, well
glued down carpet. the red carpet (especially that of the film
industry) draws photographers and a frenzy of flashing cameras,
but also the envy of other, less fortunate competitors. at some
large events, lucia dellefant rolls out her own red carpet. the
surface has the word neid (envy) cut out of it in large letters.
only after the guests have progressed several yards do they perceive
the letters and finally grasp the divisive significance of the word.







tasche brille

my-one
the appropriation of the world is the subject of the installations 
and interactions of my-one. those who realize that the nice logo
really means ‘my’ and is not just an unknown, stylish trademark
have found the key. with her logo my-one, dellefant has democrati-
cally created a kind of fashionable monogram which can be adapted
to each individual. each new ‘i’ sees something of its own: my-one.
under the motto ‘occupy logos and enjoy your own stuff’, the artist
calls for a renunciation of the trademark mania in our society.
in the same way as the documenta 11 is decentralized into several
action platforms, dellefant carries out my-one happenings in several
places in the german-speaking region. from the recent world culture
capital graz to essen, at exhibitions in berlin or at the art in
frankfurt – there were my-one lounges everywhere offering stickers
which one could stick over the symbols and logos of other products.
using iron-on labels, clothing can be personalized in a diy action
with no trouble at all, as demonstrated in an exhibition video.
dellefant exhibitions become meeting places for individuals who
arrive as my-one wearers inconspicuously uniformed and branded.
as a logo, my-one takes its place between picture and object due
to its requirement for conceptual space. only spatially does it
inhabit the lounge. due to the numerous participants in the happe-
ning who watch, stick and iron on labels, the work also demands a
type of human space throughout germany and austria.















perfect plan
of the many installations documented in this catalogue, such as 
start/zufrieden (satisfied), deutsch (german), neid (envy), my-one,
die tafel (the table) or ja (yes), it is perfect plan which is parti-
cularly significant for aspects of dellefant’s work such as personality
concepts and spatial imaginings. this large and amorphous wooden
construction serves as a platform for life designs: various seating
arrangements offer individual places for relaxation according to
preference or a cosy corner for group discussions. a steep slope
leads the empiricist to a platform above eye-level - symbol of the
challenge being sought for and a new horizon in life, a place with
an overview.

the table
among the numerous works of the artist in the public sector, die tafel 
(the table) in the grounds of the country horticultural show in burg-
hausen must be given special mention. it is ten metres long and offers
large groups a charming place to sit. constructions of brushed steel
support the seating and the tabletop made of 16 mm-strong white glass.
one’s gaze is led through the glass to a metal plate which has been
imprinted with three-dimensional writing. along with the names of the
twinned cities of burghausen: ptuj, hohenstein and fumel, are, in
smaller typography, texts dealing with the history, stories from
inhabitants of the cities. for instance,
one inscription reports on benka pulko from ptuj, who was the first 
woman to circumnavigate the globe on a motorbike. the table becomes an
historical document when it tells the story of the transition in
hohenstein-ernstthal in the new german lands. the history of the saxon
ring or wedding customs in the south of france are also among the themes.
although very local and authentic, the table is at the same time typical
of the œuvre of lucia dellefant – the table is a symbol of togetherness,
of communication on a large as well as on a small scale. with the table,
burghausen has given its inhabitants and visitors a place for being
together and for celebrations.

start
dellefant realized another new art for architecture project in one of 
the five inner courtyards of a student hostel in munich. within the
building, on the first floor, a racetrack for two people was built
following the contours of the courtyard. like a red thread, the track
runs through the building and combines the two living areas. start
signifies the beginning of a new phase of life: university as well as
the competition between the students themselves. in this context,
dellefant’s work is particularly educational when, high up under the
architectural glass roof, she installs the word ‘satisfied’ in golden
letters. when the light shines through, satisfaction glows as a sublime
goal.
deutsch   de
under the title deutsch, lucia dellefant has produced a work of land art, 
shown for the first time in the ‘haus der kunst’ in munich on the occasion
of ‘die grosse kunstausstellung’. an imposing evergreen hedge is a source
of great pride to german garden owners. a hedge exemplifies the dream of
a house of one’s own; it draws a neat divide between one’s own goods and
chattels and those of another. it is the screen behind which the rest of
the world and the unloved neighbours disappear – but only when it flourishes.

audio cds
lucia dellefant is an all-round artist and has produced cds with the titles 
‘mächtig’ (powerful), ‘insider’ and ‘berühmt’ (famous). pleasant voices
reiterate that one will make it, become a star, get to the top. but the
agreeable message quickly becomes monotonous, the sentences appear to be
merely recited and become penetratingly aggressive. will one still find
this future worth striving for after listening for a longer period? hardly.
in this case, the ‘15 minutes of fame’ which andy warhol suggested for 
everyone seem to be the better option.

the award of change
due to constant award ceremonies, famous people, vips, wannabes and starlets 
often profit from this regular publicity. the environment of an award ceremony
often presents the opportunity for the envy carpet, it is not willingly
unrolled for just anyone. lucia dellefant has added her own trophy to the
collection - including the oscar or the golden bear - awarded at the begin-
ning of the year in a very media-effective manner. the award of change is an
award for the changing of existing rituals within society. the award of change
stands for the courage to reconsider well-worn mechanisms and rules and to
reshape life. the aims of the prize are set morally high:
a life in peace, freedom and social justice. these goals are recognized and 
honourable, but as much at risk today as in the past. in order to achieve them,
changes must be made in politics, economy, society and in individual life choices.
lucia dellefant wants to reward these efforts. dellefant does not work in an
elitist way, nor does she in her newest project. instead of awarding a prize to
a single individual or institution, she holds her silver award at the ready,
to be purchased by anyone. it can represent an award for existing innovations
or an inducement for future achievements. everyone has deserved it!

you can’t award a prize without stage-managing the presentation.
lucia dellefant has planned an installative platform: three circular rostrums
with a height of 20, 40 and 100 cm respectively and of various diameters offer
space for the presentation of the award and the actual ceremony of the
auto-presentation of the changes.

the award of change is, like the my-one logo, actually a two-dimensional work
which also requires conceptual space. as well as the presentation platform as
a place of action, lucia dellefant conceives, with her award of change, of an
ideal space for all those participants in the action.

the works of lucia dellefant reconcile my personal expectations of a work of art.
with their realistic relevance, the works of the artist are available and com-
prehensible to a large public. the aesthetics of her work is remarkably attractive
and the works stay in one’s memory with a stimulating and positive effect.
in addition to this, the artistic techniques share a constant and high level
of execution. by committing herself to the reflection of personality concepts and
spatial perception, the artist has independently developed modern forms of allegory,
particularly in content. she combines aesthetics and technical skill in authentic
works that are conspicuous by their innovation. this has resulted in her collectable
status in the contemporary art scene.

however striking her own conduct, the artist lucia dellefant tempts those who also
challenge themselves with the deluxe edition of her own art prize: it is the
golden award of change, that the artist personally presents once a year to
a person or institution – work hard, dear reader, you can do it!

colmar schulte-goltz









Du bist trendy!           
 

15 Minuten Berühmtheit hat sich Andy Warhol für jeden Menschen vorgestellt. Und, geben wir's doch zu, wer von uns hätte nicht auch schon davon geträumt, einmal kein kleines Licht zu sein? Also schnell reingehört in die CD mit dem Titel "berühmt", die Lucia Dellefant  für eine Ausstellung im Frühjahr 2002 produziert hat. Auf dieser  CD haucht einem eine angenehme Stimme gebetsmühlenartig immer wieder  ein, dass man es schaffen wird, dass man ein Star wird, ganz nach oben kommt. - Ebenso verlockend hören sich die Titel der beiden anderen von der Künstlerin produzierten CDs an: "mächtig" und "insider". Das wär's doch: endlich mal dabei sein.
So sehr man zunächst versucht ist, die CDs mit nach Hause zu nehmen, so sehr ist man nach dem zweiten Hören genervt von den monoton herunter geleierten Sätzen, zumal die Stimme plötzlich etwas sehr Penetrantes bekommt und das Ganze ins Aggressive umschlägt. Man fühlt sich an Gehirnwäsche und Hypnose erinnert. Sehr rasch dechiffriert man damit das vordergründig Positive und beginnt sich zu fragen, ob man sich das Angepriesene eigentlich wirklich wünscht.

Wenn sie nicht gerade CDs aufnimmt, malt Lucia Dellefant Bilder. Sie malt Eigenschaften, wie sie auch auf den CDs zu hören sind. "besser", "mutig", "glücklich", "stolz", "konservativ" oder "kulturbeflissen" ist da auf ihren Arbeiten zu lesen. Jedem dieser Begriffe widmet sie ein eigenes Bild, wobei sich die Gestal-tung des Wortes und die Gestaltung des Bildfeldes aufeinander beziehen. Oft verbindet die Künstlerin den jeweiligen Begriff mit einem Zeichen oder einer Abkürzung und kreiert auf diese Weise ein Logo, eine Marke. Marken, die nach dem Verständnis der Künstlerin gesellschaftliche Oberflächen reflektieren, "society signs" eben. - Tatsächlich kommt an den Marken heute keiner mehr vorbei. 
Der städtische Raum ist mit Markenzeichen übersät: Schilder, Werbetafeln und Plakate bestimmen das visuelle Bild der Stadt. In Frankfurt am Main beispielsweise künden die Logos der Banken an ihren Hochhäusern bereits von der Autobahn aus von der Macht dieser Global Player. An vielen Hauswänden, in U - Bahn-Stationen oder in Bussen drängen sich den Vorübergehenden Plakate und zunehmend auch grelle Bildschirmwerbung auf.
     
In einer Gesellschaft wie der unseren, die zunehmend von medialen Bildern  bestimmt ist, wird zwangsläufig das äußere Erscheinungsbild,  also die Oberfläche - und damit auch unsere eigene Oberflä-che bzw. Erscheinung - immer wichtiger. Wie wichtig es beispielsweise ist, das richtige Outfit zu haben und sich markenbewusst zu kleiden, wissen heute schon die Kleinsten. So verspricht ein Markenanzug seinem Träger ein gewisses Maß an Prestige und da zahlt man doch gerne mal ein paar Euro mehr - und sei es nur fürs Logo.So wie die Marken unser Bewusstsein bestimmen, prägen sie auch unser kollektives Gedächtnis. Als vor einiger Zeit etwa die Firma Langnese ihr Logo veränderte, hat sie damit auch einen Teil unserer Geschichten abgeschnitten. D.h., sie hat ein Zeichen gelöscht, das viele von uns    durch die Kindheit begleitet hat. Insofern, kann man sagen, sind die Bilder von Lucia Dellefant ein ironischer Spiegel einer sich zunehmend über Oberflächen und Oberflächlichkeiten definierenden Gesellschaft.  In ihnen spiegelt sich beispielsweise, dass die 70er - Jahre - Retrowelle  immer noch durch unseren Alltag rollt. Doch was damals aus der Hippie - und Blumenkinderecke kommend als Protest gegen gesellschaftliche Konventionen  gemeint war, ist heute gelabelt. Mussten sich um 1980 die Jugendlichen noch mühsam ihre Jeans zerschneiden und mit Sprüchen  beschriften, so wird ihnen das heute von Nobelmarken wie Gaultier oder Versace abgenommen.

Lucia Dellefant greift diese Allgegenwart des Retrodesigns in ihrer Malerei auf. Auch auf ihren Bildern wabern seifenblasenartige Kreise im 70er - Design durch den Bildraum und bestimmen die typischen 70er - Formen und Farben das Geschehen.Lediglich eine Arbeit wie die mit dem Titel "kulturbeflissen" 
schert - wie sollte es anders sein - aus diesem Schema aus: Hier erinnern Bildfeld und Schrift an eine aseptische Arzneimittelverpakkung. Und auch Herr und Frau Neureich liegen traditionell immer daneben: in diesem Fall mit einem barocken Damastmotiv. 
Wie visualisiert man für einen Betrachter Begriffe wie 'fremd', 'machtgeil' oder 'überlegen' und wie ge-staltet sich das Verhältnis des jeweiligen Begriffs in Bezug auf Farbe und Bildfeld? Das sind Fragen, die im Zentrum des künstlerischen Interesses von Lucia Dellefant stehen, was eine Analyse der Arbeiten an-schaulich zeigt. So dreht sich bei der Arbeit "ego" das Logo dem Wortsinn folgend wie eine Spirale um das Zentrum, eben das Ich. Auf der CD - Hülle "insider" erscheint im Wort selbst ein integriertes Männ-chen, den Insider verkörpernd. Beim Bild mit dem Titel "unterdrückt" liegt das Wort 'unter' bildhaft unter dem Begriff 'drückt' und beim Bild "abhängig-selbstbestimmt" schließlich ist der Begriff 'abhängig' auch formal abhängig, nämlich eingespannt in das Bildfeld, während das Wort 'selbstbestimmt' leicht und frei schwebend auf die Bildfläche gesetzt ist. Kurz gesagt, die Künstlerin versucht, jedem Wort eine anschauliche Gestalt zu geben.Hier trifft sich Lucia Dellefant mit dem französischen Philosophen und Literaturwissenschaftler Jacques Derrida, der dem Bild eines Wortes 
einen gegenständlichen Wert zumisst und von Wörtern als 'Verbalkörpern' spricht.

Sucht man nun in der Kunstgeschichte nach Beispielen einer solchen Verschränkung von Bild und Schrift, landet man interessanterweise einerseits bei der mittelalterlichen Buchmalerei und kann auf der anderen Seite die Brücke zu einem sehr neuzeitlichen Medium schlagen,  das der Malerei von Lucia Dellefant sehr nahe kommt - dem Comic nämlich.       
Auch er basiert auf einer starken Wechselbeziehung von Bild und Schrift. Weder Bild noch Text können beim Comic für sich genommen existieren. Das eine ist ohne das andere nicht zu verstehen.

Mit dem Verweis auf den Comic sind wir übrigens ganz in der Nähe der früheren Arbeiten von Lucia Dellefant. Viele der heutigen Logo - Arbeiten könnte man als die denkbar knappste Form eines Comics bezeichnen und würde damit eher Verbindendes als Trennendes zwischen  der frühen Werkphase und der heutigen entdecken. Geblieben ist neben der Verbindung von Schrift - und Bildzeichen auch der Witz, mit dem die Künstlerin gesellschaftliche Beobachtungen in Bilder fasst: Eben Gesehenes, Erlebtes, Gedachtes und Gefühltes plakativ in Szene setzt, auch wenn die heutigen Bilder natürlich sehr viel strenger und reduzierter und weitaus weniger erzählerisch komponiert sind.

Vergleichbar ist auch der Umstand, dass es sich auch im Fall der "society  signs" um Malerei handelt. Eine Malerei, die nicht mehr so heftig und spontan  daherkommt wie in den frühen Arbeiten, aber - und das  ist bedeutsam - sich eben deutlich als Malerei zu erkennen gibt. Und damit setzen sich die gemalten "society signs" von Lucia Dellefant als Unikate schon formal in einen Gegensatz zu den uns im Alltag massenhaft begegnenden industriell gefertigten Markenzeichen.

Die auf den Bildern erzeugte Vereinzelung der Begriffe führt  den Betrachter gewissermaßen hinter die Ober- fläche ihrer Erscheinung.  Anders ausgedrückt: Die Heraushebung des Begriffs rückt plötzlich  seinen Sinn in den Vordergrund. Was bedeutet eigentlich ein Wort wie 'fremd'  - oder das Wort 'konform' oder das Wort 'machtgeil'? Und was bedeutet es für jeden Betrachter ganz persönlich? Unter diesem Blickwinkel gesehen, wird man nicht nur mit dem Um-stand konfrontiert, dass viele der Worte,       
die da so selbstbewusst und plakativ daherkommen, doch nicht so positiv sind, wie ihr Design es vermittelt. Sondern es zeigt sich auch, dass die Begriffe beliebig sind, d.h. für jeden etwas anderes bedeuten.
An diesem Punkt nähert man sich zugleich einer wesentlichen Aussage der Bilder: Häufig nämlich wird nicht nur auf den zweiten Blick deutlich, dass jedes Ding zwei Seiten haben kann, sondern findet sich dieser Aspekt auch auf den Bildern selbst: so bei der bereits erwähnten Arbeit "selbstbestimmt-abhängig" oder auch bei dem interaktiven Objekt "falsch - richtig": Drückt man auf einen Button in der Mitte, fängt der Leuchtkasten an zu blinken und hält entweder bei "falsch" oder bei "richtig".

Für mich stellt gerade diese Arbeit eine Art Schlüsselwerk  dar, bedeutet sie doch, dass man seine Entschei- dungsfreiheit abgibt und die Maschine entscheiden lässt. - Nur: was eigentlich entscheiden lässt?       

Es könnte sein, dass die Arbeiten von Lucia Dellefant auf eine sehr ironische Weise eine zunehmend konzeptlose Gesellschaft spiegeln, in der das Individuum seine Entscheidungsfreiheit mehr und mehr anderen überlässt und zum Insider wird.


Christian Kaufmann, Frankfurt